Wer bist du, Tod?
„Wer bist du, Tod?“ erzählt die Geschichten von Leben – von Leben, wenn der Tod nah ist. Als mein Vater starb, suchte ich nach seinen letzten Sätzen, letzte kurz vor dem Sterben gesagte Worte. Ich wurde ganz verrückt, jeden Fitzel zu kriegen. Weil ich unzufrieden mit meinen Funden war, freute ich mich sogar über jede Banalität – ein von ihm geschriebenes Wort auf einem Gefrierbeutel: Petersilie. Die Petersilie hatte ihn kurz vor seinem Tod beschäftigt, daher wurde sie mir heilig. Ich habe erlebt, wie Worte ein Schutzraum sein können, eine Herberge. Ich klammerte mich an gesagte Worte wie Rettungsringe, vielleicht auch, weil viele Worte, die nach seinem Tod gesagt worden, so seltsam klangen, so weit weg. Warum, fragte ich mich, haben wir keine wirkliche Sprache, wenn der Tod da ist? Wir leben in einer Welt, in der alles unsicher ist. An sich gibt es nur eine einzige Gewissheit, die wir haben: Alles, was lebt, wird sterben. Der Tod ist das immer gleiche Ergebnis nach egal welchem Leben. Niemand kann behaupten, er habe nichts gewusst. Durch meinen Vater begann ich, über den Tod und unseren entfremdeten Umgang mit ihm nachzudenken, und später zusammen mit der Fotografin Nora Klein das Projekt „Wer bist du, Tod?“. Wir glaubten nicht, auf diese Frage eine Antwort zu finden, keine, die allumfassend und allgemeingültig ist. Stattdessen ging es uns darum, dem Tod nahe zu kommen: ihn durch das Leben zu verstehen – vor allem durch acht Menschen, die wussten, dass sie nicht mehr lange leben und die uns in ihren letzten Wochen und Monaten die Erlaubnis erteilten, an ihrem Alltag teilzuhaben. Sie sprechen in diesem Buch mit ihren eigenen Stimmen: ein Kanon, der schonungslos ist, schmerzvoll, zart, tiefgründig und lebensverändernd. Das Buch ist textlich eine Kombination aus Monologen, Dialogen, Befragungen und Selbstbefragungen. Es ist ein Appell gegen die Sprachlosigkeit, ein Plädoyer für einen natürlichen Umgang mit der natürlichsten Sache des Lebens.
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Warum hab ich ihn denn nicht mehr erzählen lassen. Warum hab ich denn nicht; ich, die ich alle erzählen ließ. Warum hab ich ihn gefragt an einem Tag in den letzten Wochen, und alles, was er da erzählte, floss wie Wasser durch ein Sieb, jedes Wort durch den Abfluss, als dachte ich, da kommt ja immer noch was. Wir hatten sie ja noch im Überfluss, die Worte, als müsse man nicht jedes von ihnen festhalten. Alles rann mir durch, seine gesamte Sprache, warum schnitt ich sie denn nicht mit, ich, die immer alle mitschnitt, die erzählten, damit ich das, was sie erzählten, in ihrer Sprache erzählen konnte. Dabei fragte ich ja. Es war auf diesem Spaziergang, ich glaube, es war unser letzter. Ich hatte meinen Freund zur Bushaltestelle gebracht, und dann kam er wie verabredet die Straße entlang, auf mich zu, ich erkannte seine Silhouette von Weitem, seinen Gang, seine Jacke. Es war November, das Licht verschwommen, warum vergaß ich denn die Worte. Wir gingen und ich fragte. Es ist ja nicht so, dass ich nicht fragte; ich fragte und er erzählte von der Zeit beim Bund, vom Studium. Es ist ja nicht so, dass ich nicht fragte und er nicht erzählte. Waren die Worte denn nicht wichtig, ich dachte doch: Das ist jetzt wichtig. Aber warum hab ich denn keine Worte von ihm. Von diesem Tag habe ich nur das Bild, wie er auf mich zukam: seine Silhouette, sein Gang, seine Jacke. Ich sah all das und ich wusste es ja in diesem Moment schon, aber hätte ich es nicht gewusst, wäre dieses Wissen spätestens in diesem Moment greifbar gewesen, denn alles an ihm sah danach aus, und so dachte ich, als ich ihn von Weitem auf mich zukommen sah, einfach: Ja, mein Vater wird sterben.
(...)
Einen Sommer lang hat mein Vater gedacht, er habe die Krebserkrankung überstanden. Nach einem Jahr Chemotherapie hat er die Fäuste in die Höhe gereckt, die Werte waren gut, er fuhr an die Nordsee, mit meiner Mama und meiner Schwester. Cuxhaven, Kugelbacke, dahin, wo er jahrelang seine Sorgen dem Wind zum Davontragen gegeben hatte. Er spazierte durchs Watt, hielt das Gesicht zur Sonne und konnte nach Monaten wieder spüren, dass Sonne tatsächlich wärmt. Vorsicht, Sonnenstrahl von rechts, rief er. Im Watt klingelte das Handy meiner Schwester und er kommentierte dies mit: Ach, gibt es jetzt auch noch Telefonzellen im Watt? Dann, es war gerade Herbst geworden, verspürte er ein ungutes Gefühl. Arztbesuch, Tests: Der Krebs ist nicht weg. Eine Woche später hieß es: Er wird an ihm sterben. Ich habe das Bild, wie mir meine Mutter die Haustür öffnet und diesen Satz sagt: Er wird daran sterben. Ich war gerade von einer Reise gekommen und meine Eltern hatten eine Stunde zuvor diesen Satz zum ersten Mal gehört. Ich habe das Bild von meinem Vater, wie er in der Küche sitzt. Ich habe die Worte, die er sagt: Ich fragte den Arzt, ob ich vier Jahre, vier Monate oder vier Wochen habe. Vier Wochen später, er war wieder im Krankenhaus, sagte er zu meiner Mutter: Ruf die Kinder an. Mein Freund und ich bretterten über die Autobahn, es war dunkel, die Scheinwerfer gingen nicht, andere Autos hupten uns an, ich schrie: Verdammt, wir müssen fahren! Ich war die Erste, die ankam und meine Geschwister später in Empfang nehmen sollte, die aus anderen Richtungen kamen. Ich habe die Worte meines Bruders, der sofort nach der Krankenhausdrehtür fragte: Lebt er noch? Ich habe die Worte, die ich an seinem Bett schrie: Du darfst nicht gehen!