Kazım, wie schaffen wir das?
„Kazım, wie schaffen wir das?“ portraitiert einen untriebigen Mann, ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstkreuz, der als Bezirkspsychologe und mit seiner türkischen Männergruppe weit über Berlin bekannt wurde. Kennengelernt haben Kazım und ich uns 2010, als ich ihn als Reporterin bei seiner Arbeit durch Neukölln begleitete. Er sputete und ich eilte hinterher, ständig klingelte sein Telefon. Machte er es eine halbe Stunde aus, musste er nachher zehn Menschen anrufen. Irgendwann fragte ich: „Ist das denn jetzt wirklich wichtig?“ Und er antwortete brüsk: „Alles, was ich mache, ist wichtig.“ Wir wurden Freunde. Für das Buch reisten wir Jahre später gemeinsam in das anatolische Dorf, in dem sein Leben loslief, wo er erstmalig verstand, dass es die Gemeinschaft ist, die dem Leben Form gibt. Ich hörte Männern in der von ihm gegründeten Gruppe in Neukölln zu, wie sie über Gewalt, Ehre und ihre Kinder sprachen, und portraitierte drei von ihnen. Das Buch verbindet unterschiedliche Erzählformen – Biografie, Portrait, Reportage, Gesellschaftskritik und Gespräche – und zeichnet anhand der Menschen und ihren Zuwanderungsgeschichten das Psychogramm einer Einwanderungsgesgesellschaft, die viel zu spät verstanden hat, dass sie eine ist. Zugleich ist es ein kleines Denkmal für einen Menschen, der sein Leben gänzlich dem der anderen verschrieben hat und nicht müde wird, alle miteinander ins Gespräch zu bringen.
Männer sitzen um einen Tisch, die türkischen Paschas, die sogenannten. Alle in einem Raum, wer hätte das gedacht, sagt Kazım. Immer wurde doch nur über sie geredet, nicht mit ihnen.
Männer im Anzug, Männer im Blaumann, Männer im Hoodie. Männer, die geschlagen wurden als Söhne, Männer, die schlagen als Väter; Männer, die ihre Frau verloren und ihre Ehre; Männer, die in dieses Land kamen, um eine Braut zu finden, und nun Frau und Schwiegereltern haben, aber keine Arbeit, kein Ansehen; Männer, die Taschengeld bekommen, zu denen die Frau sagt: Was, du willst ein Mann sein? Du bist kein Mann, ohne Hartz IV kannst du dir nicht mal eine Unterhose kaufen. Vätergruppe nennen sie sich, oder, nüchterner, Männergruppe. Es ist eine einfache Bezeichnung für das Einfache, was sie tun und auf das niemand vor Kazım gekommen war: diese Männer zusammenzurufen, mit ihnen zusammenzusitzen, zusammen zu reden.
Einer der Männer sagt: Kazım ist sehr unauffällig, man denkt im ersten Moment, er ist Schuhputzer oder Kamelverkäufer. Derselbe Mann sagt auch: Kazım erkennt man erst, wenn er anfängt zu reden, das kann er wie niemand sonst. Ohne Kazım, sagt ein anderer Mann, überlegt eine Weile, dann: Sähe es schlecht aus. Wie genau? Er antwortet mit Schulterzucken.
Kazım sagt zu den Männern: Ich appelliere an euch, sprecht frei, sprecht ohne Angst. Es ist keine Schwäche, über Probleme zu reden, es zeugt von Stärke. Nur wenn wir offen reden, helfen wir einander, helfen wir unserer Familie und der Gesellschaft. Die Gesellschaft ist nur stark, wenn die Menschen, die in ihr leben, offen diskutieren. Ich bin der glücklichste Mensch der Welt, wenn wir diesen Ort, diese Männergruppe, zu einer Volksuniversität machen.
Dieser Ort ist ein simpler Raum, Erdgeschoss, gelegen zwischen Sonnenallee und Karl-Marx- Straße, Berlin-Neukölln. Es gibt Stühle, Tische, Tee, mehr braucht es nicht. Wenn dieser Ort eine Universität ist, dann bietet sie ein Studium generale des Lebens. Eines, für das man nicht in Büchern liest, sondern in sich selbst. Die Männer, die hier sitzen, waren reden nicht gewohnt. Als sie noch Jungen waren, hatten sie meist gehört: Du bist ein Mann, ein Mann ist Herkules, weint nicht, kümmert sich um die Familie, schützt die Familie, ein Mann redet nicht, schon gar nicht über Probleme. Ein Mann, der nicht redet, geht ins Männercafé, spielt, trinkt vielleicht oder wird süchtig, schlägt womöglich, geht in die Moschee, betet zu Allah, dass er alles löse, wartet und schließt sich ab von der deutschen Welt um sich herum, lebt in einer Nische. Er ist ein Mann, der Probleme hat, Probleme macht und selbst Problem genannt wird.
Einmal fragte Kazım die Männer: Mit welchen Erwartungen kamt ihr nach Deutschland, wie geht es euch hier?
Ein Erster sagte: Ich kam vor über zwanzig Jahren, heiratete eine Verwandte, wusste nichts von diesem Land, ich bereue es. Ich habe mich immer sehr fremd gefühlt.
Ein Zweiter sagte: Ich kam ’83. Ich habe Sehnsucht, wenn ich an die Türkei denke, aber ich habe mich in Deutschland an die Freiheit gewöhnt. In der Türkei mischt sich jeder in deine Angelegenheiten ein. Wenn es dort wäre wie hier, würden sicherlich viele zurückkehren. Aber wir haben in diesem Land Kinder, Enkelkinder, so blieben wir hier stecken.
Ein Dritter sagte: Mein Onkel erzählte mir, erst wenn du von diesem Land träumst, hast du dich dran gewöhnt. Er lebte seit fünfundvierzig Jahren hier und hatte noch nie von Deutschland geträumt. Ich träumte das erste Mal von Deutschland, als meine Kinder geboren wurden. Ich wusste, nun gehören sie und ich hierher.
Männer sitzen und reden über Heimat, Fremde, über Heimat in der Fremde, Fremde in der Heimat. Sie reden über Ankommen oder warum sie nicht ankamen, über ihre Familie, über die Gesellschaft, über das, was sie verletzt, über Träume, Wunden, Wut.
Einer der Männer mietete sich mal ein Auto, seine Frau lebte in einer anderen Stadt, lebte dort mit ihrem gemeinsamen Kind und einem anderen. Er saß am Steuer, und auf den Sitz neben sich hatte er ein großes Messer gelegt. Er fuhr zwei, drei Stunden, dann dachte er daran, wie er unter den Männern gesessen hatte, um Gewalt an Frauen war es gegangen, Gewalt, die zu nichts führt, nur ins Gefängnis: Was mache ich hier? Er fuhr zurück.
Manchmal hat Kazım auch Leben gerettet, sagt einer der Männer. Kazım sagt nicht, denk dies, denk das, er wirft dir den Ball zu und fordert dich auf, selbst zu denken, sagt ein anderer. Gib einem Mann einen Fisch, und du ernährst ihn für einen Tag; lehre einen Mann zu fischen, und du ernährst ihn für sein Leben.